Die goldenen 70er des Hongkong-Actionkinos – Bruce Lee bis Jackie Chan

Das Action-Kino Hongkongs in den 1970er Jahren gilt bis heute als eine der aufregendsten und einflussreichsten Epochen der Filmgeschichte. Es war die Geburtsstunde des modernen Kung-Fu-Films als globales Phänomen – eine explosive Mischung aus athletischer Körperkunst, simpler Moral, greller Farbästhetik und oft sehr roher Gewalt, die weltweit Millionen von Zuschauern in die Kinos zog.

Der Boden war bereits bereitet – Ende der 1960er

Die eigentliche Revolution begann schon Ende der 1960er Jahre. Zwei Filme markieren den Übergang zum modernen Action-Kino:

  • Come Drink with Me (1966, Regie: King Hu) – elegantes, fast tänzerisches Wuxia mit übernatürlichen Elementen
  • The One-Armed Swordsman (1967, Regie: Chang Cheh) – blutiger, maskuliner, rachedurstiger Stil mit verstümmelten Helden

Chang Cheh und die Shaw Brothers Studios prägten den „männlichen“, harten Kung-Fu-Film, während King Hu eher die poetisch-ästhetische Linie vertrat. Doch der echte globale Durchbruch kam erst Anfang der 1970er.

1971–1973: Bruce Lee und der Welteroberungsfeldzug

1971 drehte Golden Harvest (die neu gegründete Konkurrenz zu Shaw Brothers) mit einem relativ unbekannten chinesisch-amerikanischen Kampfkünstler einen Film in Thailand: The Big Boss (唐山大兄 / Der Mann mit der Todeskralle).

Der Film wurde ein Riesenerfolg in Südostasien – und dann kam der globale Knall.

Bruce Lee folgende Filme (alle innerhalb von nur drei Jahren!):

  • Fist of Fury (精武門 / Bruce Lee – Todesgrüße aus Shanghai, 1972)
  • The Way of the Dragon (猛龍過江 / Die Todeskralle schlägt wieder zu, 1972) – mit der legendären Colosseum-Schlacht gegen Chuck Norris
  • Enter the Dragon (龍爭虎鬥, 1973) – die Hollywood-Koproduktion, die den Kung-Fu-Boom im Westen endgültig zündete

Bruce Lee war nicht nur ein hervorragender Kämpfer, sondern auch charismatisch, fotogen und politisch aufgeladen: Seine Filme transportierten oft anti-koloniale, anti-japanische oder anti-westliche Botschaften – perfekt für die Stimmung vieler junger Zuschauer weltweit in den frühen 70ern.

Sein plötzlicher Tod im Juli 1973 (mit nur 32 Jahren) beendete zwar seine Karriere abrupt, löste aber gleichzeitig eine wahre Flut von Imitatoren und „Bruceploitation“-Filmen aus.

Die Shaw Brothers und die Hochzeit der 70er

Während Bruce Lee das internationale Gesicht war, produzierten die Shaw Brothers unter Run Run Shaw in den 1970er Jahren hunderte von Kung-Fu-Filmen am Fließband. Typische Merkmale:

  • Sehr schnelle Produktion (oft 2–3 Monate)
  • Grelles Technicolor
  • Blut in leuchtendem Rot (besonders in den „Venom“-Filmen)
  • Spektakuläre Choreografien von Lau Kar-leung, Tang Chia u.a.
  • Wiederkehrende Motive: Shaolin-Kloster, rachsüchtige Helden, vergiftete Waffen, abgetrennte Arme

Wichtige Regisseure & Schauspieler dieser Ära (neben Bruce Lee):

RegisseurBekannte Werke (70er)Stil / Bedeutung
Chang ChehThe Boxer from Shantung, Five Deadly VenomsMännlicher Heroismus, „blutige Männlichkeit“
Lau Kar-leungThe 36th Chamber of Shaolin, Heroes of the EastAuthentische Shaolin-Techniken, humorvolle Note
Chor YuenKiller Constable, The Magic BladeEleganter, storygetriebener Wuxia-Stil
Jimmy Wang YuThe Chinese Boxer, Master of the Flying GuillotineErster große Kung-Fu-Star vor Bruce Lee

Besonders die Five Deadly Venoms (1978) wurden später Kult – vor allem in den USA durch Quentin Tarantino und die Hip-Hop-Szene.

Späte 70er: Der Übergang zu Jackie Chan

Nach Bruce Lees Tod versuchten viele Studios, den nächsten Superstar zu finden. Die meisten „Bruce-ähnlichen“ Filme floppten – bis Yuen Woo-ping 1978 zwei Filme drehte, die alles veränderten:

  • Snake in the Eagle’s Shadow (蛇形刁手)
  • Drunken Master (醉拳)

Hauptdarsteller: ein Stuntman namens Jackie Chan.

Im Gegensatz zu Bruce Lees ernster, tödlicher Präsenz brachte Chan Humor, Slapstick, Alltagsgegenstände als Waffen und echte Lebensgefahr in die Stunts ein. Damit läutete er bereits das Ende der reinen 70er-Ära ein und den Beginn der 80er Comedy-Action-Welle.

Warum waren die 70er so besonders?

  • Globalisierung des asiatischen Kinos – zum ersten Mal sahen Massenpublikum im Westen fast ausschließlich asiatische Produktionen in den Kinos
  • Physische Authentizität – die meisten Darsteller waren echte Kampfkünstler
  • Low-Budget-Kreativität – aus Geldmangel entstanden oft die verrücktesten Ideen
  • Kulturelle Projektionsfläche – für viele Zuschauer in Asien, Afrika, Südamerika und den westlichen Unterschichten verkörperten die Filme Widerstand gegen Unterdrückung

Die 1970er Jahre in Hongkong waren die wilde, ungezügelte Jugend des modernen Actionkinos – roh, schnell, farbenfroh und oft komplett überdreht. Ohne diese Dekade gäbe es weder John Woo’s Gun-fu, noch die Matrix-Choreografien von Yuen Woo-ping, noch die heutigen Marvel-Martial-Arts-Szenen.

Kurz gesagt: Die 70er in Hongkong waren nicht einfach ein Jahrzehnt – sie waren der Big Bang des globalen Action-Kinos.